Bella Mahnken

Life Centered Design — Wie Design mit der Trendwende vom Profit zum Purpose die Welt retten will

Ein Fachbeitrag von Bella Mahnken   |   
17. Juli 2020   |   6 Minuten Lesezeit

Life Centered Design

„Grafikdesign wird die Welt retten, gleich nach Rock’n’Roll.“

David Carson

In unserer Welt, der Welt der Agenturen und des Marketings, nimmt Design bislang eine klar definierte Rolle ein. Design ist der Formgeber, der Kommunikator und der Problemlöser und stellt für das Erreichen von Zielen vor allem einen Faktor in den Mittelpunkt: den Nutzer. Welche Bedürfnisse muss ich mit meinem Design bedienen, um Nutzer anzusprechen? Diese sich rund um den Nutzer drehende Arbeitsweise nennen wir „User Centered“ oder „Human Centered Design“ und gestalten Marken, Shops und Produkte aller Art seit Jahrzehnten erfolgreich nach diesem Leitsatz.

An dieser Vorgehensweise ist nichts grundlegend Falsches zu finden – sie führt zum Ziel und beherzigt das „der Kunde ist König“ Prinzip, welches ungefähr so alt sein dürfte, wie das Konzept des Verkaufens selbst. Nun tritt jedoch ein neuer Design-Trend auf den Plan und fordert die nutzerzentrierte Denkweise heraus. Die Innovationsagentur Fjord spricht von einer neuen Stufe in der Evolution von Design und einer unausweichlichen Entwicklung weg vom Fokus auf den Einzelnen, hin zum großen Ganzen. Neu, trendbewusst, nachhaltig, wertbezogen und als Weg in die Zukunft scheinbar unausweichlich. Dieser neue Trend wird „Life Centered Design“ genannt und seine Botschaft verdient es, einmal aus nächster Nähe betrachtet zu werden.

Purpose statt Profit, Nutzen statt Nutzer – dafür steht Life Centered Design

„For years, the use of user-centered and human-centered design has often separated people from ecosystems. Now, designers must address people as part of an ecosystem rather than at the center of everything.“

Fjord

Im direkten Vergleich mit „User Centered Design“ liegt der maßgebliche Unterschied beim „Life Centered Design“ im Anspruch, einen Schritt weiter zu denken – mehr zu können, als Kunden glücklich machen. Denn hinter dem Käufer, der bislang im Mittelpunkt stand, verbirgt sich ein ganzes Leben voller Fragen, die sich erst nach dem Kauf oder schon lange vorher stellen. Diese können von der Verwendung nachhaltiger Materialien, der Produktion unter umweltschonenden und fairen Bedingungen bis hin zu langfristiger Recycle- und Abbaubarkeit gehen. Man betrachtet also quasi die gesamte Lebensspanne der Designs sowie deren Einflussnahme auf ein riesiges, komplexes Ökosystem: „Designed for the planet.“

Tatsächlich steht die Symbiose mit der Natur beim Life Centered Ansatz an vorderster Stelle. Design soll damit auch kollektive Werte wie beispielsweise die wachsende gesellschaftliche Forderung nach Nachhaltigkeit und Umweltschutz in seinen Grundsätzen verankern. Zusätzlich will außerdem der „Purpose“, also die Sinnhaftigkeit stets gegeben sein, weshalb Life Centered Design auch die manchmal schmerzhafte Frage stellt, ob Produkte wirklich gebraucht werden, gut und einzigartig genug sind, um ihre Daseinsberechtigung – ganz unabhängig von der Rentabilität – zu erfüllen. Letztendlich tut Life Centered Design jedoch auch nur das, was Design immer tut: Es gibt Funktion, Form und Gestaltung vor, um ein optimales Produkt zu schaffen – nur eben im Einklang mit Innovation, Qualität, Sinnhaftigkeit, Bezahlbarkeit, Nachhaltigkeit, Umweltfreundlichkeit und Fairness.

„Wir als Designer sehen es als unsere Verantwortung, Dinge zu schaffen, die das Leben und die Zukunft aller verbessern.“

Richard Sapper

Life Centered Design in der Praxis: Erfolgreiche Brands mit Vorbildfunktion

Soweit also die Theorie, aber wie sieht das Ganze in der Praxis aus? Life Centered Design als bewusstes Prinzip ist relativ neu, doch es lassen sich bereits einige Anbieter finden, die ihre Marken und Produkte „Life Centered“ ausrichten. Nachhaltige Hersteller und Dienstleister finden im Marketing und am Markt neue Wege, sich wandelnde Voraussetzungen mit einem Bewusstsein für ihre übergeordneten Ziele anzupacken – und das mit Erfolg. Hier sind vor allem die Textil- und Lebensmittelbranche stark vertreten, wo das Interesse an guten Zutaten, fairen Arbeitsbedingungen, transparenten Lieferketten sowie einer umweltfreundlichen Herstellung hoch ist. Doch auch Vertreter anderer Branchen finden Möglichkeiten, ihre Geschäfte werteorientierter zu gestalten und setzen diese mit ganzheitlichen Design-Lösungen um.

Das von Snøhetta entworfene „Powerhouse Brattørkaia“ ist das am weitesten nördlich gelegene Gebäude mit positiver Energiebilanz.

Snøhetta
Dass die Skandinavier in Sachen Sustainability zu den Vorreitern gehören, ist kein Geheimnis. Das internationale Architekturbüro Snøhetta mit Hauptsitz in Oslo, Norwegen, ist bekannt für seine Energiehäuser, deren Nutzung von nachhaltigen Ressourcen wie Sonnenlicht und Meerwasser genug Energie für die gesamte Lebens­dauer der Gebäude – inklusive Bau- und künftiger Abrissarbeiten – produziert. Für die Architekten sind diese Projekte Botschaften, mit der sie nicht nur Städte und Land­schaften, sondern die Einstellung ihrer gesamten Branche erneuern wollen.

Armedangels
Das deutsche Modelabel Armedangels schreibt sich Fair Fashion auf die Fahne und gibt ausführliche Einblicke, wie dies durch die gesamte Lieferkette garantiert wird – Zertifizierungen wie FairTrade und Co. inklusive. Wenn auch nicht der einzige Textilhersteller dieser Art, steuert Armedangels mit Erfolg gegen konventionelle Fashion-Trends und kann sich nebst aller Nachhaltigkeit auch digital in Szene setzen, was der aufgeräumte Shop auf Basis von Shopware 6 beweist.

Loop
Mit Loop wurde 2019 eine Zusammenarbeit zwischen Konsumgüter-Riese Unilever und dem Unternehmen TerraCycle vorgestellt, die eine Lösung gegen Verpackungsmüll bieten will. Der Einkaufsservice beliefert seine Kunden mit den Gütern ausge­wählter Marken, indem wieder­ver­wendbare Behälter per Post hin und hergeschickt werden. Von Lebens­mitteln bis hin zu Kosmetik- und Hygieneartikeln kann so der tägliche Bedarf an Konsumgütern gedeckt werden, während Verpackungsmüll komplett wegfällt. In Zukunft soll der Service auch in Deutschland starten.

Hier steht natürlich nur eine kleine Auswahl für eine hohe und stetig steigende Zahl an wertorientierten Unternehmen. Was jedoch alle Vertreter dieses Trends miteinander verbindet, ist eine schlüssige Kommunikation mit klaren Botschaften. Marken, die Life Centered Design umsetzen, sind Marken mit starker Identität, die sich ohne viel Mühe vom Wettbewerb differenzieren können – mit einem Kompass, der sie immer auf Kurs hält.

Fazit: Formen und Farben, die Zukunft gestalten

Momentan sieht sich Life Centered Design zwar noch als Trend aus Übersee und Leitsatz einer gestalterischen Avantgarde, wird gleichzeitig aber auch schon von vielen Unternehmen gelebt, die ihre Marken und Produkte um nachhaltige Werte herum positionieren. Jene, die jetzt schon Life Centered Design umsetzen, beweisen ihren Mut zum Wandel und wissen, dass sie gegen den Strom schwimmen. Im Gegenzug gehören sie jedoch zur Speerspitze einer wachsenden Bewegung und treffen Zeitgeist und Bewusstsein einer Gesellschaft, die ihnen für den Übergang in ein neues Zeitalter den Rücken stärkt.

Der für uns wohl wichtigste Aspekt, den der Trend rund um Life Centered Design jedoch jetzt schon mit seinen nachhaltigen Impulsen ans Licht bringt, ist allerdings folgender: Designer beginnen allmählich, die Verantwortung und Tragweite wahrzunehmen, die ihnen und ihrer Arbeit zukommt – und sind stolz auf jeden noch so kleinen positiven Beitrag zu einer besseren Zukunft. Wir schieben nicht nur Pixel und entwickeln nicht nur Produkte, wir gestalten das ganze Leben.

„Life imitates Art far more than Art imitates Life.“

Oscar Wilde